Es ist in einem Reiseblog nicht schwer, Orte von ihrer traumhaften und schönen Seite zu zeigen und es gibt massenweise Artikel über sogenannte Geheimtipps. Aber es gibt auch andere Seiten, die man als Reisender sieht und vor denen man die Augen nicht verschließen darf. Es muss uns als Reisenden und besonders als Reisebloggern, die ja das Reisen quasi promoten, bewusst sein was für Risiken und Nebenwirkungen es so geben kann. Am Beispiel von Bali, von wo wir gerade zurück sind, will ich euch kurz erklären was ich meine. 

Als weißer europäischer Tourist ist man ja schon durch seine Herkunft privilegiert und hat es im Leben weniger schwer als die meisten Bewohner der Länder in denen man so außerhalb Europas Urlaub macht. Wir haben in der Regel kostenlose Bildung genossen und haben Geld, um Urlaub zu machen. Auch wenn wir vielleicht ein ganzes Jahr sparen müssen um uns eine Fernreise leisten zu können – wir haben zumindest überhaupt die Möglichkeit dazu.

Das Preisgefälle, was es für uns außerhalb der Heimat so angenehm macht (Essen gehen kostet oft für zwei Personen unter 20 €) wird natürlich in erster Linie auf dem Rücken der Bewohner ausgetragen. Die im Vergleich mit der Heimat so günstigen Preise ziehen mehr Besucher in Urlaubsregionen, das wiederum hebt die Preise, was zu einem größeren Gefälle zwischen Einheimischen und Touristen führt. Länder wie Indonesien sind ehemalige Kolonien und erst seit wenigen Jahrzehnten unabhängig. Im Falle Indonesiens sind es exakt 72 Jahre seit der politischen Unabhängigkeit von den Niederlanden, wir hatten das Vergnügen des Unabhängigkeitstages als wir dort waren. Diese Länder haben sich zum Teil jahrhundertelang in einer Art Sklavenposition dem weißen Europäer gegenüber befunden. In der Regel auch begleitet von einem gewissen Überlegenheitsdenken der Kolonialisten, die sich immer für intelligenter und weiter entwickelt als die Unterworfenen gesehen haben. Dass das noch nicht all zu lange her ist darf man nicht vergessen.

Bali hat sich in eine Art Fortführung des Kolonialismus durch Tourismus begeben, verpackt in eine Mentalität der eleganteren Entwicklungshilfe. Mich hat zum Beispiel sehr verwirrt, dass man überall hin gefahren wird – man kann sich zwar eine Roller mieten, aber dafür muss man sehr fahrsicher sein und einen internationalen Führerschein haben. Ein Auto zu mieten ist sehr ungewöhnlich, in der Regel mietet man den Fahrer mit (Roman hat hier ein wenig mehr über unsere Erfahrung mit Guides und Drivern geschrieben) und wird dann in SUVs durchs Land gefahren. Zuerst kam mir das sehr falsch vor – rumkutschiert werden wie die Queen. Aber immer und immer wieder sagten uns auch die Fahrer – ihr ernährt uns, das hilft meiner ganzen Familie. Und es hält den Verkehr flüssig, wesentlich besser als unsichere Touristen in großen Autos, die selbst fahren, Unfälle bauen und alles verstopfen. Der Gipfel des Ganzen sind jedoch Jeep Touren durch den Dschungel, die am Ende mit Fine Dining am Fuße des Vulkans beendet werden und einem ernsthaft mit den Worten „wie die Holländer früher“ angeboten werden – autsch. Ob diese Pseudo-Entwicklungshilfe überhaupt erwünscht oder Notwendig ist wird dabei nicht hinterfragt.

ÜBER KOLONIALISMUS UND UMWELTVERSCHMUTZUNG BEIM REISEN

Oben speist der Tourist, unten arbeitet der Einheimische. / Foto: fuchsundkatze.de

Auch die grundsätzliche Respekt- und Arglosigkeit der Besucher ist oft unerträglich. Es ist inzwischen auf Bali nicht mehr so, dass man im Sarong die Tempelanlagen betreten muss und es ist völlig okay, in normaler Reisekleidung zu kommen, wenn es nicht gerade Short Shorts sind. Das Innerste des Tempels darf man als Nicht-Hindu ohnehin nicht betreten. So weit, so unkompliziert. Das hält die Besucher nicht davon ab, kreuz und quer über die Rasenflächen zu latschen und Grinse-Selfies mit Gottheiten zu machen – ohne mal zu fragen, was das überhaupt für Gottheiten sind oder wozu dieser Tempel so da ist. Fragt man nach, hört man eigentlich nur „oh it’s saaah pretty!“. Frangipaniblüte im Haar und schon mit dem nächsten Instagrampost beschäftigt. Doch wir sind Besucher, wir sind nur ein paar Tage dort – die Einwohner der Insel leben dort immer und ein wenig Demut, darüber, dass man nur zu Gast ist, stünde den meisten Touristen ganz gut. Sich dessen bewusst zu sein und sich nicht wie die Axt im Walde zu benehmen, das wäre bei vielen ein sehr guter Schritt in die richtige Richtung. Wenn ich das schon wahrnehme, wie muss es den Einheimischen dabei gehen? Viele Balinesen sind religiös, andere nicht, es ist wie überall, aber man sieht bei gewissen Dingen dann doch, wie das stets freundliche Lächeln etwas gequält wirkt.

ÜBER KOLONIALISMUS UND UMWELTVERSCHMUTZUNG BEIM REISEN

Touristen, Tempel, Trampeltiere./  Foto: fuchsundkatze.de

Trotz der allgegenwärtigen Gelassenheit und Freundlichkeit ist der ein oder andere Tourist dann mit irgendetwas unzufrieden und beschwert sich lautstark. Einerseits verliert man auf Bali so sein Gesicht – laute Aggression nimmt dort niemand ernst, sie wird im wahrsten Sinne des Wortes belächelt. Andererseits finde ich es als weiße Touristin wahnsinnig wichtig, sich des eigenen Privilegs bewusst zu sein und das einheimische Personal nicht noch zusätzlich wie ein Kolonialherr als seine persönliche Dienerschar zu behandeln und damit grundsätzlich alle Nicht-Weißen zu minderwertigeren Menschen zu degradieren.

Aber nicht nur die Menschen, auch die Tier- und Pflanzenwelt hat unter dem Verhalten der Besucher zu leiden. Ein Beispiel: Indonesien ist für die besten Kaffeesorten der Welt bekannt und als besondere Spezialität wird in Bali der Kopi Luwak verkauft. Kopi heißt ganz einfach Kaffee und Luwak ist der indonesische Name für eine kleine Schleichkatzenart, die an eine Mischung aus Marder und Dachs erinnert. Die Luwaks fressen die besten Kaffeekirschen eines Strauchs, verdauen sie und scheiden die Kaffeebohnen wieder aus. Diese werden dann zwei Wochen lang gewaschen, anschließend geröstet und als eine der teuersten Kaffeesorten der Welt verkauft. Wie so oft frage ich mich, wer und warum um alles in der Welt als erster darauf gekommen ist, ausgeschissene Kaffeebohnen zu rösten, aber nun ja, der Mensch ist experimentierfreudig, was ja auch schön ist. Wir haben diesen Kaffee probiert und er ist in der Tat eine Offenbarung – säurearm und mild, trotzdem sehr stark und wirklich lecker.

Nun kommt der Haken an der ganzen Sache: Die kuriose Herstellung treibt den Preis hoch und der hohe Preis und der daraus resultierende Gewinn führt dazu, dass die Produktion angetrieben wird. Die Luwaks leben auf den Plantagen in winzigen Käfigen. Sie müssen nicht nur Kaffeekirschen fressen, sondern bekommen auch Papayas und anderes Obst, aber ob ihre Ernährung ausgewogen ist, wage ich trotzdem zu bezweifeln. Zusätzlich werden dann ganze Gruppen westlicher Touristen durch die Plantagen geführt, die das ganze niedlich finden und dazu angehalten werden, Kaffee zu kaufen. Für die Balinesen eine wichtige Einnahmequelle. Für die Luwaks ein Albtraum.

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Ein Luwak in seiner „Behausung“. / Foto: fuchsundkatze.de

Es gibt bei Canggu übrigens auch eine Plantage, wo das Ganze artgerecht zugeht, die Luwaks in Freiheit leben und die ausgeschiedenen Kaffeebohnen einfach vom Boden aufgesammelt werden. Wer also nicht darauf verzichten möchte Kopi Luwak zu probieren, der sollte sich einfach mal dort melden. I-Tüpfelchen der Geschichte: Trotzdem man sich im Lande des Kaffees aufhält und auch der reguläre Kopi Bali toll ist, hat man als geneigter Westler trotzdem die Möglichkeit an jeder Ecke (im Süden der Insel) den gleichgeschalteten Kaffee von Starbuck’s zu trinken.

Weniger Sorgen muss man sich um die Affen in den Monkey Forrests machen, allen voran Ubud. Die Affen leben hier in großen Familieverbänden und es ist ziemlich deutlich, wer dort das sagen hat. Der Mensch ist nur Besucher im Affenwald, die Affen nehmen sich was sie wollen und können auch mal kratzbürstig werden (hurra für meine Tollwutimpfung). Den Affen geht es gut. Ob das artgerecht ist weiß ich auch nicht aber es ist zumindest keine Tierquälerei. Man ist Besucher im natürlichen Habitat der Affen – und wird von diesen auch so behandelt!

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Willkommen im Affenhaus. / Foto: fuchsundkatze.de

Unsicher bin ich beim Schmetterlingspark bei Tabanan, den wir bei einem unserer Trips eher zufällig besichtigt haben. Ich bin keine Biologin und an dieser Stelle überfragt, ob es artgerecht und im Sinne der Zucht ist, oder ob es nur eine weitere Attraktion für Besucher ist. In jedem Fall war dieser Park weder überfüllt noch kam er mir wie eine Geldmaschine vor.

Bali war, wenn man von einer Reise nach Ibiza mit 17 mal absieht, meine erste richtige Begegnung mit dem Massentourismus, da ich sonst immer eher individuell und mit Backpack unterwegs war. Es hat mich ziemlich erschreckt und viel zum Nachdenken gebracht. Man kann jetzt sagen, wie naiv von dir, hättest du ja auch vorher mal drauf kommen können. Aber viele Dinge erschließen sich einem eben erst, wenn man sie sieht. Viele interessieren sich null für die Kulturen, werfen ihren Müll in die Landschaft oder trampeln wie eine Horde Elefanten durch die Tempel.

Ich will mich nicht darüber stellen – sicher hinterlasse auch ich einen vermeidbaren Fussabdruck beim Reisen. Angefangen bei den Langstreckenflügen, über naive Besuche von Kaffeeplantagen bis hin zu den Tonnen von Plastikflaschen, die wir durch das viele Wassertrinken in der schwülen Hitze hinterließen. Aber wer bin ich, den Balinesiern zu erklären, wie sie ihre Umwelt sauber halten sollen, nur weil wir in Deutschland so ein feines Mülltrennungssystem haben? Das steht mir nicht zu, denn ich bin hier nur zu Gast. Noch dazu haben diese Leute andere Sorgen als Mülltrennung. Vermutlich wäre die umweltschonendste und am wenigstens kolonialistischste Lösung, gar nicht mehr zu reisen oder zumindest in seinem eigenen Kulturkreis zu bleiben. Aber wozu das führt, das Land nicht zu verlassen und nicht über den Tellerrand zu blicken, das sieht man oft genug gerade hier in Deutschland. Reisende haben keine Angst vor dem Fremden, sonst würden sie nicht reisen. Wir haben keine Antwort auf dieses Dilemma, aber vielleicht wird das auch nicht der letzte Artikel zu diesen Themen bleiben und wir müssen einfach noch weiter darüber nachdenken. Ja, Langstreckenflüge sind nicht gut für die Umwelt. Aber ignorante Mitbürger auch nicht.  Nicht jeder kann alles richtig machen und vegan, politisch korrekt und ohne CO2 Ausstoß leben. Aber kleine Schritte sind besser als keine. Also ziehen wir weiter um die Welt, erweitern unseren Horizont, helfen ohne zu bevormunden und wenn es gewünscht ist. Frei nach dem Motto: Take nothing but pictures, leave nothing but footprints. Darüber kann und muss man nachdenken, bevor man das nächste Selfie macht, gedankenlos durch Tempelanlagen latscht, in Safari-Parks Elefanten bewundert oder seinen Müll achtlos auf den Boden wirft.

ÜBER KOLONIALISMUS UND UMWELTVERSCHMUTZUNG BEIM REISEN

Foto: fuchsundkatze.de