Was man sich auf Bali anschauen, was man erlebt und gesehen haben möchte… – wohl kaum etwas könnte mehr dem individuellen Geschmack unterworfen sein wie die Frage: was sollte ich unbedingt gesehen haben? Beim Durchblättern eines Reiseführers und gleichzeitiger Anfertigung von Notizen, wird die Wunschliste schnell ziemlich lang. Bedingt durch die für viele Urlauber eher knapp bemessene Zeit, muss aussortiert werden. Auch wir haben vieles von dem, was bei uns auf der Wunschliste stand, nicht geschafft. 14 Tage sind eben keine Ewigkeit, für Bali und Umgebung insgesamt erst recht zu wenig. Zu den Ausflügen, die definitiv nicht verhandelbar waren, gehörte der zum Wassertempel Tanah Lot. Für mich eines DER Wahrzeichen Balis, auch wenn das möglicherweise sehr klischeebehaftet ist. Mir egal, ich wollte Tanah Lot nicht nur von Bildern her kennen, sondern selbst einmal leibhaftig vor mir gesehen und ein eigenes Bild davon gemacht haben.

TANAH LOT - DER FRÜHE VOGEL MACHT DAS FOTO

Foto: fuchsundkatze.de

Tanah Lot – oder korrekt: Pura Tanah Lot (wörtlich übersetzt „Land inmitten des Meeres“) ist ein hinduistischer Tempel, an denen es Bali nun wirklich nicht mangelt. Für Außenstehende entsteht bei einer Reise über die Insel schnell der Eindruck, alles sei „irgendwie Tempel“. Tanah Lot, der Meerestempel, ist jedoch eine Besonderheit. Alleine schon die Lage macht diesen Tempel zu etwas besonderem, liegt er doch auf einer Felsspitze mitten im Meer in unmittelbarer Ufernähe. Ohne Ebbe, die den etwa 50 Meter langen Weg vom Ufer zur Felseninsel frei macht, erreicht man Tanah Lot jedenfalls nicht, ohne nass zu werden. Dass das Meer den Tempel vom Rest der Insel trennt, hat wie so vieles einen geschichtlichen Hintergrund:

Der javanesische Hindupriester Danghyang Nirartha, der Ende des 15. Jahrhunderts aufgrund des sich ausbreitenden Islam von Java nach Bali flüchtete, soll einer Sage nach während der Meditation Licht von der Westküste gesehen haben, dem sich Nirartha daraufhin neugierig näherte. Dabei entdeckte er ein kleines, felsiges Eiland. Nirartha setzte seine Meditationen hier fort, was dazu führte, dass sich alsbald Schüler der näheren Umgebung um ihn versammelten. Damit es aber nicht zu etwaigen Konfrontationen mit den lokalen Priestern kam, verlegte der Hindupriester seine Mediationen auf besagtes Eiland – auf das nämlich, was wir heute als Tanah Lot kennen.

TANAH LOT - DER FRÜHE VOGEL MACHT DAS FOTO

Tanah Lot ist ohne Nass zu werden nur bei Ebbe erreichbar. / Foto: fuchsundkatze.de

Während Tanah Lot im hierarchischen Gefüge der Meerestempel ein eher kleines Heiligtum ist, hat es auf Touristen eine magische Anziehungskraft. Kann ich bestätigen, ich wollte ja auch unbedingt hin! Unser Fahrer, mit dem wir den Ausflug geplant und durchgeführt haben, empfahl uns jedoch, lieber ganz früh am Morgen in Richtung Tanah Lot aufzubrechen. Wenn wir – wie so ziemlich alle – erst in den Abendstunden dorthin führen, um den sicher spektakulären Sonnenuntergang zu fotografieren, würde das vermutlich kein Vergnügen sein. Es wäre nicht nur mit wesentlich längerer Fahrtzeit zu rechnen, sondern auch mit unzähligen Touristen, die sich über das überschaubare Areal drängen und sich gegenseitig beim Selfies machen vor die Linse hüpfen würden. Ob Tanah Lot morgens oder abends, das war uns ziemlich schnurz. Zudem hatten wir aufgrund unseres Hotels im Osten der Insel bisher eh keinen Sonnenuntergang zu Gesicht bekommen – was bis zum Ende der Reise auch so bleiben sollte – also machte das ohnehin keinen großen Unterschied.

Bereits morgens um sieben Uhr in der Frühe holte uns unser Fahrer von unserem Hotel ab, sodass wir Tanah Lot bereits kurz nach acht Uhr erreichten. Es zeigte sich, dass der Ratschlag lieber als früher Vogel zum Meerestempel aufzubrechen, Gold wert war. Bis auf ein paar ganz wenige andere Touristen, die gefühlt an zehn Fingern abgezählt werden konnten, hatten wir Tanah Lot für uns allein. So allein jedenfalls, wie man als Nicht-Gläubiger den Tempel eben haben kann. Wir hatten Glück, die Ebbe lies uns dicht bis an den Felsen herankommen, wo wir Zeuge werden konnten, wie sich Gläubige heiliges Wasser über das Haupt träufelten. Entsprechende Spende in Form einiger Rupien inklusive, versteht sich. Tanah Lot, so heißt es, soll ja auch von Wasserschlangen bewacht werden. Die kann man, wenn man möchte, ebenfalls in Augenschein nehmen. Gegenüber des Tempels ist eine kleine Grotte, wohl auch nur bei Ebbe wirklich zu erreichen, in der sich die Holy Snake(s) anschauen lassen. Allerdings darf nur äugen, wer vorher ein bisschen was gespendet hat. Ich für meinen Teil halte es wie Indiana Jones, der bekanntlich auch kein großer Schlangenfreund ist, und denke mir: ach danke, die Holy Snakes in Augenschein nehmen ist nicht nötig.

TANAH LOT - DER FRÜHE VOGEL MACHT DAS FOTO

In den frühen Morgenstunden kann man noch recht ungestört seine Runden um Tanah Lot drehen. Jedenfalls soweit wie das als Besucher möglich ist. / Foto: fuchsundkatze.de

Tanah Lot ist für mich tatsächlich der magische Ort gewesen, den ich mir anhand der Bilder und der Informationen, die ich mir vorher angeschaut und durchgelesen habe, erhofft hatte. Und ich bin auch (unserem Fahrer) ziemlich dankbar, dass ich Zeit und Gelegenheit hatte, den Tempel, der sehr mit dem Verschleiß durch das Meerwasser zu kämpfen hat, auf mich wirken lassen konnte. Wenn auch nur kurz, denn keine halbe Stunde nach unserer Ankunft ergossen sich ganze Busladungen an Touristen über die gesamte Anlage. Wir bekamen dadurch eine gute Vorstellung davon, wie das wohl abgehen muss, wenn sich der Sonnenuntergang nähert und wirklich alle Welt sich irgendwo aufbaut, um einen Schnappschuss oder ein Selfie zu ergattern. Und kaum dass die vielen anderen Touristen eingetrudelt waren, wurden wir auch wieder Zeuge der Schattenseite von diesem Massentourismus. An der Felsenküste, direkt gegenüber von Tanah Lot, gibt es diverse Restaurants und auch am Eingang zum Gelände ist ein kleiner Warung, wo man sich mit Kaffee die Müdigkeit aus dem Gesicht jagen lassen kann. Ringsherum stehen genügend Mülleimer, die auch als solche deutlich zu erkennen sind, wo sich beispielsweise die Plastikbecher des gerade konsumierten Kaffees ganz bequem entsorgen lassen. Scheinbar aber ist vielen Touristen nichts heilig, nicht einmal eine Tempelanlage wie Tanah Lot und die Natur gleich gar nicht, sodass wir immer wieder beobachten konnten, wie Müll einfach achtlos in die Gegend geschmissen wurde. Dass Areal rund um den Tempel wirkte bei unserem Eintreffen sauber und aufgeräumt, bei unserer Abreise etwa anderthalb Stunden später schon nicht mehr. Ich frage mich, wieviel Zeit und Personal die Balinesen wohl darauf verwenden, da tagein, tagaus wieder für Ordnung zu sorgen, nachdem die Touri-Horden da durchgewalzt sind. Gerade kommen mir wieder Marys Überlegungen bezüglich Kolonialismus und Umweltschutz in den Sinn.

TANAH LOT - DER FRÜHE VOGEL MACHT DAS FOTO

Es dauert allerdings nicht lange, bis Touristen in größeren und großen Mengen im Areal von Tanah Lot auflaufen. Ab 9 Uhr morgens dürfte es generell vorbei sein mit der Ruhe. / Foto: fuchsundkatze.de

Von allen Dingen, die wir uns während unseres Aufenthalts auf Bali angeschaut haben, gehört Tanah Lot ganz klar zu meinen Highlights. Schön, diesen Touristen-Hotspot gesehen zu haben, ohne Menschenmassen um mich zu haben. Im Pura Taman Ayu, der Tempelanlage in Mengwi (Bezirk Badung), die wir noch am gleichen Tage besuchten, sah das schon anders aus. Die Anlage selbst war wahnsinnig schön, aber viel mehr mit Touristen gefüllt. Wie so vieles auf Bali. Tanah Lot in den frühen Morgenstunden ist aber noch überschaubar – und sicher mindestens genauso schön wie im Sonnenuntergang. Und wer einigermaßen ungestört Fotos machen möchte, zieht ohnehin besser den Morgen dem Abend vor. Denn manchmal kriegt eben nur der frühe Vogel das Foto.

TANAH LOT - DER FRÜHE VOGEL MACHT DAS FOTO

Foto: fuchsundkatze.de